Falke und Nachtigall

„Flammenfarben sind ihre Flügel, und flammenfarben ist ihr Leib“

Die Inspiration Alexander Buschs zu seinem Bilderzyklus beruht auf dem Kunstmärchen von Oscar Wilde,
„Die Nachtigall und die Rose“. Dort heißt es: „.....denn die Liebe ist weiser als die Philosophie, wenn die auch weise ist, und mächtiger als Macht, wenn die auch mächtig ist... Flammenfarben sind ihre Flügel und flammenfarben ist ihr Leib. Ihre Lippen sind süß wie Honig, und ihr Atem ist wie Weihrauch.“
In diesem Kunstmärchen von Oscar Wilde wird die Sehnsucht eines jungen Menschen – des Studenten – nach der höchsten Form der Liebe besungen, welcher aber nur durch das blutvolle Opfer der singenden Nachtigall in den Besitz der mystischen roten Rose gelangt. Mit der Rose als Geschenk für seine Angebetete, will er seine Liebe im
gemeinsamen Tanze krönen. Aber die Angebetete ist das Opfer der Nachtigall nicht wert, sie bevorzugt Juwelen, welche für sie mehr wert sind. Durch diese Enttäuschung wirft der Student die Rose in die Gosse. Und statt des ersehnten Liebestanzes landet er wieder völlig ernüchtert und endmystifiziert hinter seinen staubigen Büchern. Wie lassen sich bildnerisch flammenfarbene Flügel der Liebe und der flammenfarbene Leib zur Deckung bringen, – und wie sich ihr Weihrauch und Atem zur Honigsüße verdichten? – Eine starke Herausforderung. –

Alexander Busch vollzieht mit seinem genialen Kunstgriff einen Sprung ins Irrationale und mystische Gewebe der Sehnsucht, in welches sich jede liebende Seele eingespannt fühlt: er ver–hüllt und ent–hüllt das Bild der Frau, das Bild der Seele. Er nähert sich gleichsam so von zwei Seiten dem flammenden Leib und den flammenden Flügeln der Seele an. Das Wissen davon, daß Liebe der Seele Flügel verleiht, oder daß sie zum sehnsuchtsvollen Lied der Nachtigall werden muß, wenn sie in den Besitz der mystischen roten Rose gelangen will, ist so alt wie die Rose, oder so alt wie der Mensch selbst. Beide, Rose und Seele, erheben sich aus Wandlung und Verwandlung zu ihrer höchsten Form und Schönheit. 
Bei Oscar Wilde verhilft die Nachtigall dem Liebenden mit ihrem blutvollem Opfer zum Entstehen dieser Liebesrose, in dem sie sich den Dorn der Rose ins Herz sticht. Singend stirbt sie, während ihr Lebensblut die Rose
rot färbt. Ihr Opfer erfüllt sich im Tod.
Auch die Seele kann sich durch Wandlung und durch das Opfer der egoistischen Selbstheit zur Rose umbilden. Wenn die geschieht, unterliegt sie dem, was man seit jeher das „Stirb und Werde“ der Seele genannt hat.

„Und solange du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf dieser Erde.“
Aus: „Seelige Sehnsucht“/ J. W. v. Goethe

Der aufmerksame Betrachter dieses Bild-Zyklus wird auf dem imaginären Hintergrund von „Nachtigall und Rose“
in der Art, wie der „flammenfarbene Leib“ und die „flammenfarbenen Flügel“ sich zueinader verhalten,
erstaunliche Entdeckungen machen. Er wird im Aufrecht-Stehen der Gestalt, im Gegen-den-Wind sich behauptend, oder sich ihm anvertrauend, im Niedersinken und Knien, oder im Farbenwechsel, welcher analog zur Körpersprache verläuft, nahe herangeführt an Urbilder. Ohne eine bewußt gesuchte Entsprechung von Seiten des Künstlers angestrebt zu haben, kommt so zum Beispiel im Bild13/1 eine Gestalt zur Erscheinung, welche man als luftgeborene Schwester der weltberühmten „Nike von Samotrake“ bezeichnen könnte. Oder man wird erinnert
an das Windgötter-Paar auf dem Bild „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli, denn durch deren Leidenschaftswind wird die Venus vom Meer ans Land getragen. Wie ein Schiff mit vollen Segeln auf der Muschelspitze stehend, wird sie von diesem Götteratem an Land getrieben, wo sie von einer Dienerin mit einen kostbaren Mantel umhüllt wird. Ihre Nacktheit bekommt ein kostbares Kleid. Man könnte bei diesem Zyklus von Alexander Busch von einer Umkehrung zur Venus des Botticelli sprechen. Hier erhält der in Liebe flammende Leib etwas von seinem flammenden Seelenflügeln zurück. Dieses Zurück-Bekommen ist ein Mehr an Intensität, ist ein
Sich-Treu-Bleiben im Wissen um das Geheimnis der Liebe. Wie sagte die Nachtigall zu dem Studenten, als sie sich zum Opfer derRose entschloß:

„… Alles was ich von dir dafür verlange, ist, daß du deiner Liebe treu bleiben sollst, denn die Liebe ist weiser
als die Philosophie …"

Heinz Georg Häußler, Weimar, 17. April 2007